
Die Mitte des Glaubens
Anfang des Jahres machte sich unter anderem Jürgen Schulz auf den Weg, um auf einer großen Konferenz das Geistliche Zentrum und Theologische Seminar vorzustellen und für ein Studium oder ein soziales Jahr in Adelshofen zu werben. Zurück kehrte er mit dem tiefen Eindruck, dass die geistliche Ausrichtung unseres Dienstes in Adelshofen nicht nur nahe an den Menschen, sondern für eine hoffnungsvolle Zukunft von Kirchen und Gemeinden geradezu unverzichtbar ist.
11.000 Besucher – und wir waren als Team aus Adelshofen mit unserem Stand dabei. Am Anfang des Jahres habe ich das erste Mal die MEHR-Konferenz in Augsburg besucht. Am Ende gingen uns die Flyer aus. Viele, richtig viele Besucher sind auf das Geistliche Zentrum und Theologische Seminar aufmerksam geworden. Es war eine gute und gesegnete Zeit. Sie war wichtig, auch für uns in Adelshofen. Denn sie hat uns neu vor Augen geführt: Gott hat in Adelshofen etwas wachsen lassen, wonach sich die Menschen sehnen.
Ihr seid immer wieder angeeckt
Vor über 70 Jahren hat Gott in Adelshofen eine Erweckung geschenkt, durch die Tausende von Menschen von Jesus gehört haben und im Glauben gestärkt wurden. Die Segensspuren Gottes, die von Adelshofen ausgingen, sind unfassbar weit gestreut. Das wurde auch bei dieser Konferenz wieder sehr deutlich: „Ich war als Kind regelmäßig zur Familien- und Osterfreizeit in Adelshofen. Heute bin ich selbst Pastorin.“ Ein anderer Leiter eines großen Werkes erinnert sich noch lebhaft an seine Jugendzeit: „Als ich jung war, kamen wir als Freunde regelmäßig, weil ihr in Adelshofen etwas zu sagen hattet. Euer Glaube hatte richtig Kontur. Ihr seid angeeckt und habt herausgefordert. Das war klasse!“ Was für eine Ermutigung. Ja, wir wollen und dürfen anecken!
Gott eckt nämlich auch an. Er selbst fordert uns in der Bibel immer wieder neu heraus. Wer die Imperative in der Bibel ernst nimmt, merkt recht schnell, wie unruhig das Leben werden kann. Der christliche Glaube ist unbequem: „Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, halte ihm auch die andere hin.“ (Matthäus 5,39) aber auch: „Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Kinder Gottes heißen.“ (Matthäus 5,9) Wie kann es sein, dass eine Nachricht so gut und gleichzeitig so unbequem sein kann? Und doch glauben wir, dass Gott uns durch den Glauben an Jesus Christus einen Frieden und eine Freude schenkt, die nicht von dieser Welt ist. Jesus bleibt die Mitte unseres Glaubens.
Gemeinsam, aber nicht gleich
Gleichzeitig hat mir die MEHR-Konferenz aber auch gezeigt, dass mehr zum christlichen Glauben gehört als nur die Person Jesus Christus. Ja, Jesus allein bleibt der Eckstein unseres Glaubens. Die Apostel und Propheten bleiben das Fundament, auf dem unser Glaube steht (Epheser 2,20). Inzwischen sind aber 2000 Jahre vergangen und die Christenheit besteht aus vielen Prägungen. Tausende Menschen treffen sich, loben Gott, bekennen sich zu Jesus Christus als ihren Erlöser – Orthodoxe, Katholiken, und die ganze Palette evangelischer Christen. Und in der Begegnung mit anderen Glaubensgeschwistern ecken wir bisweilen auch an. Die Abendmahlsfeier und katholische Eucharistie zum Beispiel unterscheiden sich gravierend – nicht nur in der Form, sondern auch im Verständnis. Ja, ich will, dass wir als GZA und TSA eine klare geistliche Kontur haben. Die einen werden es feiern, die anderen werden sich an unseren Ecken stoßen.
Wir stehen für eine protestantische Weite – mit großer Liebe für Geschwister anderer Konfessionen. Wir sind evangelisch. Und wir freuen uns daran, dass Gottes Reich so viel größer ist als wir in Adelshofen. Die MEHR-Konferenz ist ökumenisch ausgerichtet. Die Besucher erleben dort aber auch einen lebendigen und fröhlichen römisch-katholischen Glauben. Der Initiator und die prägende Figur ist Dr. Johannes Hartl. Ein römisch-katholischer Theologe. Ich liebe die Begegnung mit meinen katholischen Geschwistern. Als Pastor in Paderborn war der Erzbischof unser Nachbar. Die Gespräche waren ermutigend und im besten Sinne geistreich. Und doch weiß ich – ich bin evangelisch. Im GZA und TSA ist jeder herzlich willkommen – konfessionsübergreifend. Im Bekenntnis bleiben wir aber evangelisch. In der Mitte unseres Glaubens und Lebens bleibt Gott und sein Wort, die Bibel. Historisch ist Adelshofen ein Ort, an dem evangelische Frei- und Landeskirchler zusammen unterrichten und studieren. Wer bei uns studiert oder einkehrt, findet ein Umfeld vor, das gemeinsame Bekenntnisse teilt und lernt die faszinierende Weite protestantischer Theologie kennen.
Der Glaube braucht Wurzeln
Wir stehen für geistliche Tiefe. Wir lieben Gott mit ganzem Herzen, ganzer Seele, ganzer Kraft und dem ganzen Denken (Lukas 10,27). Mit Tiefgang im Glauben reift unsere Theologie. Alles beginnt mit der Einladung, an Jesus zu glauben. Ein Beispiel ist unsere TeensNight, ein Jugendevent in der Faschingszeit. Sie ist evangelistisch ausgerichtet und richtet sich an junge Menschen, die Gott noch nicht kennen. Gleichzeitig ist es uns ein großes Anliegen, dass Menschen in ihrem Glauben wachsen und reifen. Ob im Erlebnisgarten oder in unseren Seminaren sprechen wir über die Grundlagen des Glaubens und stärken Menschen darin, ihr Leben als Christ verantwortungsvoll zu gestalten. Und wir wollen noch mehr. Wir beten für Menschen, die Gott begabt und berufen hat, Verantwortung zu übernehmen. Wir wollen Frauen und Männer fördern und ermutigen, Gestalter in Kirche und Gesellschaft zu werden.
Dafür braucht der Glaube tiefe Wurzeln. Um zu unseren Wurzeln zu gelangen, müssen wir eine 2000jährige Reise auf uns nehmen. Die 1500 Jahre vor Martin Luther sind auch Teil unserer Geschichte. Ohne sie wären wir nicht Christen. Und ohne sie haben wir nur ein fragmentarisches Verständnis vom christlichen Glauben. Kein Christ liest die Bibel ohne Vorprägung. Jeder bringt eine Geschichte mit. Das bedeutet nicht, dass jeder Christ gleich ein Fan der Kirchengeschichte sein muss. Leitende Mitarbeiter, und vor allem die Pfarrer und Pastoren, brauchen aber ein grundlegendes Verständnis dafür, dass wir alle nur Zwerge auf Schultern von Riesen sind. Verlieren wir unsere Tradition und Geschichte über die Jahrhunderte aus den Augen, verlieren wir die Tiefe unseres Glaubens. Wir glauben, dass für die Zukunft des evangelischen Glaubens, neben der Bedeutung der Bibel, wieder ein neues Verständnis für die Wichtigkeit der altkirchlichen Bekenntnisse wachsen muss. Unser Glaube ist uralt. Jede neue Generation von Verantwortungsträgern hat die Aufgabe, diese alten Überzeugungen den Menschen neu lieb zu machen.
Ein Ablauf, der uns trägt
Deswegen prägt ein geistlicher Rhythmus unseren Alltag in Adelshofen. Wir freuen uns an der Schönheit der Liturgie. Wir orientieren uns am Kirchenjahr und gestalten unser Leben um drei Gebetszeiten. Das Morgen-, Mittag- und Abendgebet. Liturgie klingt für viele angestaubt und von vorgestern. Aktuell erleben wir aber, dass gerade liturgisch geprägt Gemeinden wieder starken Zulauf haben.
Die MEHR-Konferenz ist ein lebender Beweis, dass auch evangelische Christen sich nach einem geistlichen Leben sehnen, das klösterlich geprägt ist. Denn gefühlt hatte die Hälfte der Konferenz-Besucher einen evangelischen Hintergrund. Besonders junge Menschen finden traditionelle Gottesdienste hoch interessant. Wichtig ist, dass die Abläufe verständlich erklärt werden und die Besucher der Liturgie auf dem Papier oder der Leinwand folgen können. Eine Liturgie ist ein gewohnter Ablauf, ein festes Ritual. Wir alle haben das in unserem Alltag: Aufstehen, Zähne putzen, anziehen, und nie ohne Frühstück aus dem Haus. Über Abläufe, an die wir uns gewöhnt haben, müssen wir nicht mehr nachdenken, sie passieren nahezu automatisch. So gehe ich um 17 Uhr zum Abendgebet. Wenn ich mal terminlich verhindert bin, spüre ich, dass mir etwas fehlt.
Unser geistlicher Rhythmus prägt unser Miteinander und unsere Alltagsplanung. Unsere Arbeitsabläufe, unsere Unterrichtszeiten und auch unsere Freizeitprogramme, werden durch den geistlichen Rhythmus strukturiert. Wir geben dem Gebet das Recht, uns zu unterbrechen, denn das Gebet trägt uns und unseren Glauben. Das gilt, ob wir in der Küche, im Garten oder in der Werkstatt stehen, ob wir gerade mit Kindern und Jugendlichen unterwegs sind, Mitarbeiter in Mentoring, Coaching oder Pädagogik schulen, Menschen begleiten, forschen und schreiben, Theologie studieren oder uns in Seminaren in einzelne Themen vertiefen. All das wollen wir mit und vor Gott tun. Und wir laden Sie herzlich ein, mit dabei zu sein, vorbeizukommen und in diesen Rhythmus einzutauchen.
Dr. Jürgen Schulz, Rektor des Theologischen Seminars