Das Beste gebend
Abwarten? Oder besser schon mal loslegen? Was empfiehlt sich für einen, der es mit dem Glauben ernst nimmt? Auf Gott schauen und harren? Oder die Sache in die Hand nehmen? Dr. Martin Müller hat sich der Frage von Vertrauen und Verantwortung eines Christenmenschen angenommen und meint nach einem Rundgang durch die Bibel: Hier gibt es kein entweder oder.
Dieser Beitrag erschien im LZA-Journal 2/2026

„Wenn der Herr nicht das Haus baut, so arbeiten umsonst, die daran bauen“ (Psalm 127,1). Dieser Satz wirkt zunächst ernüchternd, vielleicht sogar entmutigend. Was bleibt dem Menschen, wenn schlussendlich alles von Gott abhängt? Wird unsere Arbeit dadurch entwertet, oder erhält sie gerade darin einen tieferen Sinn?
Eingebunden
Die innere Auseinandersetzung beginnt an diesem Punkt: zwischen Anpacken und (Los)Lassen, zwischen Handeln und Abwarten, oder zwischen dem Ja und dem Nein zur Wahrnehmung von Verantwortung. Wir stehen als glaubende Menschen hier in einem Spannungsfeld. Wir planen, organisieren, investieren Zeit und Kraft. Und gleichzeitig scheint es so zu sein, dass das letzte Wort nicht uns gehört. Doch dies ist keine Einladung zur Passivität. Im Gegenteil. Wer glaubt, dass Gott das Haus baut, wird nicht zum Zuschauer, sondern zum Mitarbeiter. „Denn wir sind Gottes Mitarbeiter“ (1. Korinther 3,9). Unser Tun ist nicht überflüssig – es ist eingebunden. Es bekommt Richtung, Maß und Ziel.
Aktiv gestalten
Hier berührt mich das Gleichnis von den anvertrauten Talenten (Matthäus 25,14–30). Jeder Knecht erhält etwas – unterschiedlich viel, aber niemals nichts. Und entscheidend ist nicht die Höhe der Gabe, sondern der Umgang damit. Zwei von ihnen handeln, wagen etwas, setzen ein, was ihnen anvertraut wurde. Der dritte Knecht jedoch vergräbt sein Talent aus Angst, aus Unsicherheit – vielleicht auch aus einem falschen Verständnis von Verantwortung (vgl. Matthäus 25,25). Er wollte nichts falsch machen – und hat gerade dadurch das Ziel verfehlt. Dieses Gleichnis trifft das Zentrum unserer Frage. Denn es zeigt: Gott überträgt Verantwortung. Er traut uns etwas zu. Dies kommt auch hier zum Ausdruck: „… dienet einander, ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat, als die guten Haushalter der mancherlei Gnade Gottes“ (1. Petrus 4,10). Unser Leben ist also nicht ein bloßes Warten auf göttliches Eingreifen, sondern ein aktives Gestalten im Vertrauen auf ihn.
Gottgegeben
Wenn die Aussage „Wenn der Herr nicht das Haus baut“ also nicht bedeutet, dass wir die Hände in den Schoß legen sollen, was bedeutet sie dann? Wir nähern uns einer Antwort, wenn wir sagen, dass wir unser Tun nicht absolut setzen sollen. „Wenn der Herr will, werden wir leben und dies oder das tun“ (Jakobus 4,15). Wir bauen, und wir wissen dabei, dass unser Handeln notwendig aber nicht hinreichend ist. „Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen; aber Gott hat das Gedeihen gegeben“ (1. Korinther 3,6). Der Erfolg liegt nicht allein in unserer Hand.
Tief verwoben
Als Mitarbeiter Gottes tragen wir Verantwortung. In unseren Berufen, in unseren Familien, in unseren Gemeinden und in weiteren Zusammenhängen wie etwa in einem Verein, im Elternbeirat oder im Stadtrat. Wir gestalten Räume, treffen Entscheidungen, prägen andere Menschen. Unsere Entscheidungen treffen wir manchmal unter Unsicherheit, manchmal unter Druck. Wir können uns nicht einfach zurücknehmen mit dem Hinweis, dass Gott schon alles machen wird. Aber in allem Handeln sind wir nicht autonom agierende, sondern als Mitwirkende und Mitgestalter unterwegs. „Alles, was ihr tut, das tut von Herzen als dem Herrn und nicht den Menschen“ (Kolosser 3,23). Unser Handeln steht unter einem größeren Zusammenhang, in einer Verwobenheit mit dem dreieinigen Gott und unserem sozialen Umfeld.
Nicht vergeblich
Diese Haltung verändert unseren Blick. Sie befreit von dem Druck, alles kontrollieren zu müssen. Und sie schützt zugleich vor Gleichgültigkeit. Denn wer weiß, dass Gott wirkt, wird seine eigene Aufgabe ernst nehmen – nicht aus Angst zu scheitern, sondern aus dem Vertrauen heraus, dass sein Einsatz nicht vergeblich ist: „Darum, meine lieben Brüder und Schwestern, seid fest und unerschütterlich und nehmt immer zu in dem Werk des Herrn, denn ihr wisst, dass eure Arbeit nicht vergeblich ist in dem Herrn“ (1. Korinther 15,58).
Innere Klarheit
Als Menschen sind wir begrenzt. Unsere Kraft reicht nicht unendlich, unsere Einsicht ist bruchstückhaft. Deshalb ist es glaubenden Menschen wichtig, „an seiner Hand“ unterwegs zu sein. „Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird’s wohlmachen“ (Psalm 37,5). Dieses Bild beschreibt keine Abhängigkeit, die klein macht, sondern eine Beziehung, die trägt. „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“ (Psalm 23,1). Wer sich führen lässt, verliert nicht seine Freiheit, sondern er gewinnt Orientierung. Als glaubende Menschen sagen wir: Wir richten unser Leben nicht nach unseren eigenen Maßstäben aus. „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit“ (Matthäus 6,33). Wir fragen nach dem Willen Gottes, nach seinem Blick auf die Dinge. Und wir lernen, dass die Ausrichtung an Gottes Willen nicht Unterdrückung ist, sondern ein Weg zur inneren Klarheit: „Wer meine Gebote hat und hält sie, der ist‘s, der mich liebt“ (Johannes 14,21).
So gehen wir unseren Weg: arbeitend, ringend, hoffend. Wir bauen – aber nicht allein. Wir tragen Verantwortung – aber nicht die Letzte. Wir setzen unsere Talente ein, unser Bestes gebend – in dem Wissen, dass sie uns anvertraut sind.
Dr. Martin Müller gehört seit Anfang März als kaufmännischer Geschäftsleiter zum Team des LZA. Er kommt gebürtig aus dem Rheinland und lebt heute in Hohenlohe.